Die physiologische Zungenruhelage ist entscheidend für eine gesunde Entwicklung von Kiefer, Zähnen und Gesicht. Liegt die Zunge dauerhaft nicht am Gaumen, sondern zwischen den Frontzähnen, kann dies das Wachstum nachhaltig beeinflussen.
Ein typisches Beispiel hierfür ist der frontal offene Biss, der häufig bereits im frühen Kindesalter durch Habits wie Daumen- oder Schnullerlutschen entsteht. Der folgende Patientenfall zeigt, welche Auswirkungen eine Zungendysfunktion auf das Wachstum haben kann – und welche Verbesserungen durch eine kombinierte myofunktionell-kieferorthopädische Therapie möglich sind.
Ein frontal offener Biss entwickelt sich häufig bereits durch frühe Habits wie Daumen- oder Schnullerlutschen.
Dabei öffnet sich der Biss im Frontzahnbereich und schafft einen idealen Raum für die Zunge. Durch den offenen Biss in Kombination mit einem fehlenden Lippenschluss wird die Zunge beim Schlucken zwischen die Frontzähne gedrückt. Mit der Zeit kann sich daraus eine Zungendysfunktion entwickeln.
Bleibt dieses Bewegungsmuster bestehen, etabliert es sich im weiteren Wachstum und erhöht das Risiko für die Entwicklung eines skelettal offenen Bisses.
Grundsätzlich gilt: Zähne streben nach Kontakt. Wenn weder Daumen, Schnuller, Lippen noch Zunge störend einwirken, brechen die Zähne so weit durch, bis sie Kontakt zueinander haben.
Die vorgestellte Patientin stellte sich im Alter von zehn Jahren mit einem frontal offenen Biss und einer Unterkieferrücklage vor.
Zusätzlich lagen folgende funktionelle Auffälligkeiten vor:
Aus der Anamnese ging hervor, dass die Patientin bis zum fünften Lebensjahr einen Schnuller verwendet hatte.

Die Patientin wurde anschließend myofunktionell-kieferorthopädisch behandelt.
Ziel der Therapie war:
Begleitend erfolgte ein intensives myofunktionelles Training zur Etablierung einer physiologischen Zungenruhelage sowie eines kompetenten Lippenschlusses.
Im Verlauf der Behandlung konnte der offene Biss erfolgreich geschlossen werden.
Auch die Unterkieferrücklage sowie die myofunktionellen Funktionen verbesserten sich deutlich. Der Lippenschluss wurde wesentlich stabiler, auch wenn er noch nicht vollständig mühelos war.
Durch die Korrektur der Unterkieferrücklage konnte zudem ein harmonisches Gesichtsprofil erreicht werden.
Die Unterlippe zeigte weiterhin eine leichte Hypotonie, ihre Funktion hatte sich jedoch im Vergleich zur Ausgangssituation deutlich verbessert.

Der Patientenfall verdeutlicht eindrucksvoll, welchen Einfluss die frühzeitige Einlagerung der Zunge im Zusammenhang mit einem offenen Biss auf das Wachstum haben kann.
Kinder mit einer Zungendysfunktion wachsen häufig von Beginn an stärker in die Vertikale, wodurch eine spätere myofunktionelle und kieferorthopädische Therapie deutlich anspruchsvoller wird.
Im vorliegenden Fall wäre ein präventives Eingreifen bereits im Alter von drei bis fünf Jahren – insbesondere die frühzeitige Beseitigung des Schnullerhabits – die günstigste Therapie gewesen.
Der Patientenfall zeigt jedoch zugleich, dass auch im späteren Kindesalter durch eine kombinierte funktionelle und kieferorthopädische Behandlung deutliche Verbesserungen erzielt werden können.
Ein frontal offener Biss ist häufig nicht nur eine Zahnfehlstellung, sondern Ausdruck einer zugrunde liegenden funktionellen Störung.
Frühkindliche Habits, eine tiefe Zungenruhelage und ein fehlender Lippenschluss können das Wachstum nachhaltig beeinflussen und die Entstehung eines skelettal offenen Bisses begünstigen.
Eine frühzeitige Diagnostik und Behandlung funktioneller Ursachen bietet die Chance, Fehlentwicklungen vorzubeugen und das Wachstum positiv zu beeinflussen. Der vorgestellte Patientenfall zeigt eindrucksvoll, welchen Stellenwert die Kombination aus myofunktioneller Therapie und Kieferorthopädie dabei haben kann.
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